Tilo Barz leitet die Multimedia-Abteilung des Hessischen Rundfunks. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet und was schon heute möglich ist.
Sind Facebook und Twitter Recherchewerkzeuge, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk nutzen sollte?
Natürlich, ich finde, das ist gar keine Frage, egal ob öffentlich-rechtlicher oder privater Rundfunk. Wenn ein großer Teil der Kommunikation oder sogar des Lebens überhaupt sich in diesen Medien abspielt, dann gehören die selbstverständlich zu dem Raum, in dem man sich als Journalist bewegt. Wenn man als Journalist irgendwo unterwegs ist, dann recherchiert man ja automatisch immer. Einfach vernetzt zu sein mit wichtigen Multiplikatoren, darüber etwas mitzubekommen, daraus dann Recherchen abzuleiten, das halte ich fast schon für selbstverständlich.
Thema Grundversorgung: Werden Dienste wie Wikipedia die Wissensvermittlung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ersetzen?
Ich halte die Funktion von Wikipedia für extrem nützlich und bin auch täglicher Nutzer, aber nicht im tagesaktuellen Bereich. Das hat einfach was mit der Funktionsweise zu tun, weil sich erst über einen Zeitraum ein gewisses Sicherheitsniveau bei einem neuen Artikel einstellt. Wikipedia funktioniert nur durch die gegenseitige Kontrolle der Nutzer.
Aber ich kann es nicht prognostizieren. Ich weiß nicht, ob man über kurz oder lang vielleicht Instrumente, neue Technologien hat, mit denen auch Nachrichten vollautomatisch von der Crowd erzeugt, verbreitet und konsumiert werden. Mein Gefühl ist aber, dass es gerade im Bereich der Tagesaktualität und politischer Ereignisse immer noch wichtig ist, dass eine Instanz ein Siegel drauf setzt und die Geschichten dabei auch noch so aufbereitet, dass sie für eine bestimmte Zielgruppe gut funktionieren. Insofern ersetzt Wikipedia sicher nicht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wohl aber Wissensvermittlung à la Brockhaus und Co.
Ist es vorstellbar, ein komplettes Programm im Internet stattfinden zu lassen? Also ein Format für Menschen, die sich einfach nur noch im Netz bewegen.
Meinen Sie ein Programm oder ein Format? Die Unterscheidung ist rechtlich bedeutsam, deshalb muss ich ein bisschen in die Details einsteigen. Was möglich ist, bestimmen zum einen die staatsvertraglichen Regelungen, die sind Gesetz. Und die genaue Beschreibung dessen, was wir tun, steht in den Telemedienkonzepten, die dann in den Drei-Stufen-Tests von unseren Rundfunkräten bestätigt wurden oder – bei neuen Angeboten – in Zukunft durch diese Gremien müssen. Sicher ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen nach derzeitiger Rechtslage keine kompletten Fernsehprogramme neu einrichten dürfen, die nur im Internet stattfinden. Dagegen spricht die so genannte „geschlossene Beauftragung“, mit der die zu veranstaltenden Programme eindeutig benannt sind. Sicher ist auf der anderen Seite aber auch, dass wir nach unseren Telemedienkonzepten Angebote machen dürfen, die nur im Netz stattfinden. In diesem Sinne könnte ein Video ein onlinejournalistisches Format sein. Wo genau die Grenze zwischen „Angebot“ und „Programm“ verläuft, muss man sich am Einzelfall ansehen.
So weit zur Frage, was geht und was nicht. Nochmal auf einem anderen Blatt steht, wie sinnvoll eine rein programmferne Betätigung eigentlich ist, wenn alle von Crossmedia reden und von den Möglichkeiten, dass man zum Beispiel hier etwas anteased und dort vertieft.
Es könnte nur sein, dass sich in Zukunft der Bedarf verändert und das Verlangen danach da ist, das Internet nicht als Teil von Crossmedia, sondern selbst als universelle Plattform zu betrachten, weil dort alle Medien publiziert werden können.
Klar. Es gibt Bereiche, insbesondere in der Information, aber zunehmend auch in der Unterhaltung, wo bestimmte Teile des Publikums, jüngere Zielgruppen, mit dem Internet zufrieden sind. Die klassischen Medien lassen sie vielleicht noch laufen – und sie lassen sie lange und in großer Zahl laufen, wie unsere Medienforscher immer wieder ermitteln – aber eben parallel oder gar als Hintergrundgeräusch, während die eigentliche Beschäftigung mit der Onlineplattform stattfindet. Das ist ein Habitus, mit dem wir umgehen müssen. Wenn wir für diese Menschen Angebote machen wollen, müssen wir uns darauf einstellen, was sie wollen. Wenn wir so etwas bereits im Programm haben und es schaffen, es ihnen vernünftig auch online darzubieten, dass sie es nutzen wollen, ist das schön. Wenn wir so etwas noch nicht haben und die Leute nicht verlieren wollen, dann müssen wir eben speziell was machen. Da sind wir im Prinzip offen.
Ich persönlich bin auch davon überzeugt, dass wir immer mehr solche Angebote brauchen, aber da bewegen wir uns noch ganz am Anfang. Als Rundfunkanstalten haben wir ein Grundproblem: Je mehr sich Interessen und mediale Plattformen diversifizieren, umso schwerer sind Angebote zu kreieren, die automatisch für alle taugen. Wie geht man damit um? Wie weit diversifiziert man? Wo bleibt dann die integrative Kraft? Also machen wir nur noch Spartenprogramme? Oder schaffen wir es auch, Räume zu schaffen, wo die Gesellschaft als Ganze miteinander kommuniziert? Das ist nicht einfach.
Es gibt am einen Ende des Spektrums eben die Ideen, auf die Sie hinauswollen – also Onlineangebote zu machen, die für sich funktionieren, die originäre Bedürfnisse jüngerer Zielgruppen in der Mediennutzung und in der gesellschaftlichen Kommunikation befriedigen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es die Notwendigkeit, Leute, die über vierzig, fünfzig Jahre eine bestimmte Mediensozialisation hatten und die sich nicht mehr umstellen, weiterhin so zu bedienen, wie sie das gewohnt sind. Beides ist wichtig, wir unterscheiden kein gutes und schlechtes Publikum. Und beides zu verbinden, das ist unser Job für die nächsten Jahre. Dass es uns heute schon ganz gut gelingt, zeigen Tagesschau, tagesschau.de und die Tagesschau-App.
Wie verändert sich dadurch die Grundversorgung?
Radio und Fernsehen hatten jahrzehntelang das Privileg, dass sie die einzigen waren, die tages- und stundenaktuell Informationen verbreiten konnten. Das ist etwas, was verloren gegangen ist, seit Zeitungen, Unternehmen, aber auch Hinz und Kunz, im Internet zeitnah oder sekundenaktuell Informationen verbreiten können. Darauf muss man sich einstellen. Der Fokus muss nicht mehr so auf dem liegen, was man früher als Chronistenpflicht bezeichnet hat: Alles was einigermaßen wichtig war, musste binnen 24 Stunden irgendwann über den Äther gehen.
Heute kann man davon ausgehen, dass die Kundschaft sich über den Tag aus verschiedensten Quellen informiert oder unterhalten lässt. Dadurch verändern sich auch die Erwartungen an unsere Programme und Angebote. Für Radio und Fernsehen kann ich nicht sprechen, aber ich kann Ihnen sagen, wie wir unseren Auftrag im Internet verstehen.
Der Rundfunkstaatsvertrag verlangt von uns einen „Beitrag zum publizistischen Wettbewerb“, den mussten wir in den Drei-Stufen-Tests auch belegen. Und wir müssen uns permanent damit auseinandersetzen, das wirkt ins Tagesgeschäft hinein. Was heißt das nun, „Beitrag zum publizistischen Wettbewerb“? Auf der einen Seite heißt es, nicht einfach das zu machen, was es schon an zehn anderen Ecken gibt. Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht ausschließlich Dinge machen, die sonst keiner tut. Weil man dann zum Lückenbüßer wird, zum Spezialisten für Sonstiges, Abseitiges, und man verliert jede Möglichkeit wirklich eine Gesamtbevölkerung zu erreichen und im besagten publizistischen Wettbewerb irgendeine Rolle zu spielen.
Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte. Es geht weniger um eine komplette Neuausrichtung als vielmehr um eine Justierung unserer Angebote – stärker solche Fragen zu stellen: Wo liefern wir was? Welche Bedeutung hat unsere regionale Verankerung? Was genau ist unser publizistischer Beitrag mit einem bestimmten Projekt? Das automatisierte Ausspielen von Agenturmeldungen wäre kein ernsthafter Wettbewerbsbeitrag. Aber schon eine vernünftige Sortierung, die man an einer anderen Stelle nicht findet, kann ein solcher Beitrag sein. Eine exklusive Recherche, eine besondere Nähe durch eigene Korrespondenten, aber auch eine Einordnung in größere Zusammenhänge kann ein solcher Beitrag sein oder eine dezidierte Meinung, die Einbindung von Nutzern, nicht zuletzt die Vielfaltssicherung.
Könnte nicht auch ein weiterer Beitrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein, dass der Zuschauer sich nicht an den Sendeplan halten muss, sondern dass die Produkte auch nach der Ausstrahlung abonnierbar sind?
Große Teile des hr-Hörfunkprogramms können Sie bereits als Podcast abrufen und abonnieren. Mediatheken bieten einen immer größeren Teil des Programms, zwar nicht zum Download, aber doch als On-demand-Stream. Oder Sie können RSS-Feeds zu Online-Rubriken abonnieren.
Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass wir die meisten Inhalte nicht mehr zeitlich unbegrenzt vorhalten dürfen. Gerade diese Änderung durch den neuen Staatsvertrag ist übrigens bei vielen Nutzern auf Unverständnis gestoßen. Auch in der so genannten Netzöffentlichkeit, wie sich durch zahlreiche Stellungnahmen im Rahmen des Drei-Stufen-Tests gezeigt hat. Wir haben hier direkt erfahren, wie breit letztlich doch die Unterstützung für das öffentlich-rechtliche System und wie groß der Bedarf an unseren Inhalten ist – auch wenn in den bei diesem Thema leider nicht neutralen Zeitungen regelmäßig das Gegenteil steht. Deswegen finde ich es wichtig, dass wir den direkten Dialog mit der Gesellschaft und besonders der Netzöffentlichkeit fortführen. Nicht in erster Linie, um unsere Botschaften unterzubringen, sondern noch mehr, um im Gespräch herauszufinden, was die Gesellschaft von uns braucht, wie sie es braucht und was sich daraus für uns als Auftrag ableitet.
Die Fragen stellte Pascal Tannich.
Redaktion: Dorothee Frey, Martin Krauß, Daniel Lücking, Pascal Tannich






Spätestens ab dem Zeitpunkt (2013), da die Rundfunkgebühr Rundfunkbeitrag heißen sollen und als Haushaltsabgabe, Zweitwohnungsabgabe, Autoabgabe (auch bei ehrenamtlicher Nutzung) und Betriebsstättenabgabe allerorts zwangsweise erhoben werden soll und die Kosten eines Breitbandinternet-Anschlusses erreicht, ergibt sich die Frage, ob diese Angebote mit dieser Finanzierung noch zeitgemäß sind. Es ist einfach eine Frechheit, die Leute doppelt abzukassieren, zumal der Interviewpartner hier nichts, absolut nichts nennen konnte, was nicht auch so im Internet angeboten wird und ohne den Mittelentzug durch Zwangsfinanzierung noch besser angeboten werden könnte.
Es komme mir niemand mit Internet-Angeboten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, solange es noch viele Haushalte gibt, die keinen Zugang zu Breitband-Anschlüssen zu vernünftigen Konditionen bekommen können! Hier geht es nicht um die Nutzer, weder die Jungen noch die Alten, hier geht es darum, bestimmte Inhalte zu bevorzugen und die gut ausgestatteten Posten bei den Öffentlich-Rechtlichen Medienanstalten zu erhalten. Das außenpluralistische System der Zeitungen funktioniert eben auch ohne Zwangs-Abkassieren. Insofern wünsche ich mir, sie prangern die Geldverschwendung bei ARD und ZDF viel häufiger an.